Konsent in der Sozialen Arbeit

Selbstbestimmung und Teilhabe fordern wir ständig – aber wie setzen wir sie im Alltag um? Konsent bietet einen strukturierten, sofort anwendbaren Weg: Nicht durchsetzen, sondern zuhören. Nicht fordern, sondern vorschlagen. Ein Prinzip, das Recovery, Empowerment und die Anforderungen des BTHG in eine einfache Praxis übersetzt.

Foto: Soroush Karimi / Unsplash


L. schreit wie aus dem Nichts: „Nein".

Ein Vormittag in einem Wohnheim für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen. Die Gruppe möchte einkaufen gehen. Alle sind einverstanden und freuen sich. Nur L. nicht. Er schreit laut, ohne Begründung. Die Gruppe ist erstarrt.

L. ist gezeichnet von Jahren geschlossener Psychiatrie. Er hatte nie etwas abgelehnt, was von ihm gefordert wurde. Die aufgestaute Frustration entlud sich dann immer wieder in gewaltsamen Ausbrüchen.

Fachkraft: „Du hast gerade ‚Nein' gesagt. Mich interessiert, warum."

L.: „Mein Rücken!"

Fachkraft: „Ah, Du hast Rückenschmerzen? Und hast Sorge, dass sie schlimmer werden, wenn Du Einkaufstaschen trägst?"

L.: „Ja!"

Fachkraft: „Das ist ein wichtiger Einwand. Wie wäre es, wenn Du einfach mitkommst, und wir vereinbaren, dass Du keine schweren Taschen trägst?"

L. entspannt sich. Die anderen auch. Alle verstehen: L. muss weder schweigen noch sein Recht durchsetzen. Er kann einfach seinen Einwand nennen. Wir finden gemeinsam eine Lösung. Keine Eskalation. Keine Gewalt. L. hatte seine Bedürfnisse formuliert, bzw. sich dabei helfen lassen, seine Bedürfnisse zu erkennen – und erlebt, dass sie gehört werden.

Was hier passiert ist, hat einen Namen: Konsent.


Ohne es zu merken, weisen Fachkräfte Klient:innen häufig an: „Mach das so und nicht so." und manchmal oben drauf: "Das hat sonst Konsequenzen." Auf der anderen Seite fordern Klient:innen: „Ich will das und das", und manchmal mit ausgesprochenem oder unausgesprochenem Nachdruck: "Wenn ich es nicht bekomme, dann mache ich Ärger." Beide Seiten fordern, beide Seiten machen Druck. Manchmal wird aus Druck eine Drohung. Und aus Drohungen wird schneller Gewalt, als wir uns das manchmal vorstellen.

Bei Forderungen und Druck ändert sich langfristig selten etwas. Man hat das Gefühl, immer die gleichen Punkte von vorn diskutieren zu müssen.

Konsent ist ein anderer Weg. Das Prinzip: Wir sagen nicht, was zu tun ist. Wir benennen stattdessen ein Problem oder eine Spannung. Wir machen einen Vorschlag. Beide Seiten können Bedenken äußern. Bedenken werden gemeinsam integriert. Das heißt: Der Vorschlag ist nachher besser als am Anfang. Jeder trägt zur Verbesserung des Vorschlags bei. Das Ergebnis muss nicht perfekt sein. Es muss so gut sein, dass alle damit leben können.


Konsent passt zur Sozialen Arbeit. Nicht nur, weil die Methode deeskalierend wirkt. Sondern weil sie einen personenzentrierten, nicht-direktiven Ansatz dialogisch und handlungsorientiert umsetzt. Weder unterwerfen wir uns blind Anweisungen noch drängen wir anderen unsere Meinung auf. Wir arbeiten zusammen an der bestmöglichen Lösung.

Im Recovery-Ansatz sprechen wir von Shared Decision Making. Entscheidungen werden nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen, sondern mit ihnen. Das CHIME-Framework beschreibt fünf Prozesse, die Genesung fördern: Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn und Empowerment. Konsent adressiert vor allem Empowerment – die Erfahrung, gehört zu werden, mitzubestimmen, Einfluss zu haben auf das eigene Leben.

Auch das Bundesteilhabegesetz und die UN-Behindertenrechtskonvention fordern genau das: Selbstbestimmung und Teilhabe. Artikel 19 der UN-BRK spricht von unabhängiger Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft. Artikel 12 betont die gleiche Anerkennung vor dem Recht – das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Das BTHG setzt diese Prinzipien um: personenzentrierte Leistungen, Wunsch- und Wahlrecht, Partizipation in der Hilfeplanung.


Personenzentrierung. Auf Augenhöhe. Mitbestimmung. Wir hören diese Worte ständig. Aber wie soll das gehen im Alltag? Viele Fachkräfte fühlen sich hilflos. Oder sie haben Sorge: Wenn wir alles gemeinsam entscheiden, tanzen uns die Bewohner:innen auf dem Kopf herum. Dann machen alle, was sie wollen. Dann bricht das Chaos aus. Und die andere Seite, die Bewohner:innen, Teilnehmer:innen, Klient:innen oder wie auch immer wir sie nennen? Auch hier die Sorge vor gefühlter Bevormundung und Zwang, auch wenn es eigentlich gar nicht so gemeint ist.

Diese Sorgen sind verständlich. Sie kommen aus einem Denken in Machtkämpfen. Entweder ich setze mich durch – oder die anderen setzen sich durch. Entweder Kontrolle – oder Kontrollverlust.

Konsent geht einen anderen Weg. Nicht Durchsetzen, sondern Zuhören. Nicht Fordern, sondern Vorschlagen. Nicht Gewinnen, sondern gemeinsam Verbessern. Das klingt vielleicht weich. Ist es aber nicht. Konsent ist klar und strukturiert. Ein Vorschlag wird nur angenommen, wenn niemand einen schwerwiegenden Einwand hat. Einwände müssen begründet sein. Und manchmal – wenn ein Einwand gegen geltendes Recht, die Hausordnung, den Hilfeplan, fachliche Standards etc. verstößt – kann er auch blockiert werden.

Das Schöne: Konsent ist einfach. Leicht verständlich. Pragmatisch. Man kann die Schritte in fünf Minuten erklären. Und dann einfach anfangen. Im Alltag, in der Teamsitzung, im Hilfeplangespräch. Es braucht keine große Schulung, kein teures Zertifikat. Es braucht nur die Bereitschaft, es anders zu versuchen.

L. hat an jenem Vormittag zum ersten Mal in seinem Leben erlebt, dass sein „Nein" gehört wird. Dass er Einwände haben darf. Dass diese Einwände ernst genommen werden. Das war der Anfang einer langen Entwicklung. Nicht nur für ihn. Auch für das Team, das mit ihm arbeitete.

Konsent ist eine Methode, Selbstbestimmung und Teilhabe im Alltag zu leben. Nicht als Lippenbekenntnis. Sondern als konkrete Praxis.


Wie bin ich zum Konsent-Ansatz gekommen? In meinem persönlichen Blog erzähle ich die ganze Geschichte: Konsent in der Sozialen Arbeit – Eine persönliche Einführung

Joel Roerick

Creative Commons Zero 1.0 Universell (CC0 1.0) Public Domain

https://konsent.berlin/joelroerick
Zurück
Zurück

Kurzanleitung Widerstandsabfrage

Weiter
Weiter

Sozialraum