Kurzanleitung Widerstandsabfrage
Wie finden wir heraus, ob ein Vorschlag für alle tragbar ist? Die Widerstandsabfrage bietet ein einfaches, transparentes Verfahren: Statt Zustimmung zu zählen, wird Widerstand gemessen – mit drei Handzeichen, einer klaren Schwelle und dem Grundsatz, dass einzelne starke Einwände nicht übergangen werden.

📌 Worum es geht
Nicht die Mehrheit entscheidet,
sondern: Welcher Vorschlag hat den geringsten Widerstand?
Es muss nicht die Mehrheit überzeugt sein.
Es müssen nicht alle ausdrücklich zustimmen.
Entscheidend ist, dass keine gravierenden Einwände bestehen.
Im Unterschied zum Mehrheitsentscheid geht es nicht um Zustimmung.
Im Unterschied zum klassischen Konsens reicht es aus,
dass niemand einen schwerwiegenden Einwand hat.
So entsteht ein tragfähiger Konsent –
ein Vorschlag, mit dem alle gut leben können,
auch wenn er nicht für alle ideal ist.
→ Mehr dazu: Kurzanleitung Konsent – die Konsent-Methode in der Variante von Joel Roerick und konsent.berlin verwendet an mehreren Stellen die Widerstandsabfrage, wie sie hier beschrieben wird.
✋ Die drei Handzeichen
Drei einfache Handzeichen reichen aus,
um sichtbar zu machen, wie groß der Widerstand gegen einen Vorschlag ist.
Wichtig:
Es geht nicht um Zustimmung im klassischen Sinn,
sondern darum, ob es Einwände gibt, die ernst genommen werden sollten.
| Handzeichen | Bedeutung | Punkte |
|---|---|---|
| ✊ Keine Geste / Faust | Zustimmung oder kein Einwand | 0 |
| ✋ Eine Hand | leichte bis mittlere Ablehnung | 1 |
| 🙌 Beide Hände | deutliche Ablehnung | 2 |
🔢 So funktioniert die Widerstandsabfrage
Sobald ein Vorschlag vorliegt:
A. Alle zeigen gleichzeitig ein Handzeichen zum Vorschlag.
B. Die entsprechenden Punkte werden zusammengezählt.
C. Der Vorschlag mit der niedrigsten Punktzahl hat den geringsten Widerstand
und gilt als am tragfähigsten.
⚠ Ablehnungsgrenze
Wenn die Summe der Punkte höher ist als die Anzahl der beteiligten Personen,
gilt der Vorschlag als nicht tragfähig.
Das entspricht mehr als 50 % des möglichen Widerstands.
💡 Hinweis zur Einordnung
Die 50-%-Grenze ist ein Richtwert, kein Naturgesetz.
- Bei sensiblen Themen kann schon ein einzelner starker Einwand ausreichen,
um innezuhalten und nachzujustieren. - Bei alltäglichen Fragen (z. B. Organisation, Termine, Abläufe)
kann auch etwas mehr Widerstand tragbar sein.
Die Gruppe kann vorab festlegen,
wie viel Widerstand in diesem Kontext tragbar ist
(z. B. 30 %, 40 %, 70 %).
Entscheidend ist immer der Kontext.
💬 Einzelne starke Einwände ernst nehmen
Auch wenn nur wenige Personen starken Widerstand zeigen,
sollte das nicht übergangen werden.
Eine hilfreiche Leitfrage lautet:
Was genau ist der Einwand?
Die Gruppe kann dann entscheiden:
- Schließen wir uns dem Einwand an?
- Können wir den Vorschlag anpassen?
- Braucht es einen neuen Vorschlag?
👉 Danach ist ein zweiter Durchlauf der Widerstandsabfrage möglich.
🗣 Tipp: Gruppe zählt selbst laut
Für Transparenz und gemeinsames Verständnis
zählt die Gruppe die Punkte laut und reihum.
So geht's:
A. Alle zeigen ihr Handzeichen gleichzeitig.
B. Die Gruppe zählt laut im Kreis.
C. Jede Person nennt die bisherige Summe,
addiert ihren eigenen Wert
und sagt die neue Zwischensumme.
D. Die letzte Person nennt das Gesamtergebnis.
Das macht den Prozess nachvollziehbar,
entlastet die Moderation
und vermittelt früh ein Gefühl für die Tragfähigkeit.
📊 Beispiele aus der Praxis
✅ Beispiel 1: Tragfähiger Vorschlag
2 Punkte bei 3 Personen
→ 33 % möglicher Widerstand
Der Vorschlag ist klar tragfähig,
auch wenn es kleinere Bedenken gibt.
💡 Sinnvolle Nachfrage: Was bräuchte es, damit alle noch besser mitgehen können?
⚖️ Beispiel 2: Grenzfall
3 Punkte bei 3 Personen
→ Genau 50 % möglicher Widerstand
Der Vorschlag ist gerade noch tragfähig, aber knapp.
Gute Gelegenheit, kurz innezuhalten:
- Gibt es Einwände, die wir einarbeiten können?
- Würde ein kleiner Kompromiss helfen?
❌ Beispiel 3: Zu viel Widerstand
5 Punkte bei 3 Personen
→ Deutlich über 50 % Widerstand
Der Vorschlag ist nicht tragfähig.
Er sollte verworfen oder grundlegend überarbeitet werden.
Vielleicht lässt sich ein Kern retten –
aber so, wie er ist, trägt er nicht.
💡 Merksatz
Nicht der lauteste Vorschlag gewinnt,
sondern der, mit dem alle gut leben können.
Die Idee, Widerstand zu messen statt Zustimmung zu zählen, geht auf das Systemische Konsensieren (Paulus/Schrotta/Visotschnig) zurück. Die hier beschriebene Widerstandsabfrage ist eine eigenständige Vereinfachung für den Einsatz im Konsent-Prozess.
📚 Literatur
Die Idee, Widerstand zu messen statt Zustimmung zu zählen, geht auf das Systemische Konsensieren (Paulus/Schrotta/Visotschnig) zurück. Die hier beschriebene Widerstandsabfrage ist eine eigenständige Vereinfachung für den Einsatz im Konsent-Prozess.
Paulus, G., Schrotta, S., & Visotschnig, E. (2022). Systemisches Konsensieren (6. Aufl.). Danke-Verlag.