Kurzanleitung Konsent
Wie treffen wir Entscheidungen, die wirklich getragen werden? Die Konsent-Methode bietet einen klaren, schrittweisen Ablauf: Spannungen benennen, Vorschläge machen, Einwände integrieren. Kein Machtkampf, kein fauler Kompromiss – sondern ein Vorschlag, der so gut ist, dass alle damit leben können.

📌 Konsent – kurz gesagt
Konsent heißt nicht: Alle sind begeistert.
Sondern: Niemand hat einen gut begründeten, schwerwiegenden Einwand.
Entschieden wird nicht über Zustimmung,
sondern über Tragfähigkeit.
Ziel ist nicht der perfekte Vorschlag, sondern: safe enough to try – sicher genug, um es auszuprobieren.
🧭 Grundhaltung
- Es werden Vorschläge gemacht, keine Anweisungen.
- Einwände sind keine Störung, sondern wertvolle Hinweise.
- Der Vorschlag gehört ab dem Moment der Einbringung der Gruppe.
- Es geht nicht ums Überzeugen, sondern ums gemeinsame Besser-Machen.
🔁 Der Ablauf in 7 Schritten
Nicht jeder Konsent-Prozess braucht alle sieben Schritte. Bei einfachen Entscheidungen reichen manchmal zwei oder drei. Bei komplexen oder sensiblen Themen lohnt es sich, alle Schritte bewusst zu durchlaufen.
🪧 1. Spannung benennen
Der Prozess beginnt mit einer Spannung: Etwas läuft nicht rund, irritiert, blockiert oder fühlt sich unstimmig an.
- Eine Person bringt die Spannung ein.
- Wichtig ist: Alle verstehen, worum es geht.
- Nicht immer braucht es eine Spannung – manchmal geht es direkt mit einem Vorschlag los.
Ab diesem Moment liegt die Spannung in der Mitte und wird zur gemeinsamen Verantwortung der Gruppe.
💡 2. Vorschlag machen
Die Person, die die Spannung benannt hat, macht einen Vorschlag: Wie kann die Spannung aufgelöst werden?
- Das kann bereits ein konkreter Vorschlag sein – muss es aber nicht.
- Wenn keine Idee da ist, brainstormen wir gemeinsam.
- Ab dem Moment der Einbringung gehört der Vorschlag der Gruppe.
❓ 3. Verständnisfragen klären
Jetzt geht es ausschließlich ums Verstehen.
✔ Verständnisfragen sind erlaubt
✘ Meinungen, Bewertungen und Diskussionen noch nicht
Ziel: Alle haben dasselbe Bild vom Vorschlag.
✋ 4. Reaktionen hören
Ihr könnt Eure Reaktionen ansprechen. Z.B. im Kreis, ein:r nach der/dem anderen. Jede:r sollte zu Wort kommen können, auch die stillen Stimmen.
✘ Bewertungen und Diskussionen haben hier keinen Platz. Einfach ruhige, reflektierte Reaktionen.
Diesen Schritt kann man bei einfachen Entscheidungen überspringen.
Optional: Ihr könnt hier auch eine verkürzte Widerstandsabfrage starten, um ein deutlicheres Stimmungsbild zu erzeugen.
Alle zeigen gleichzeitig mit einer Handgeste,
wie sich der Vorschlag für sie anfühlt.
Die Gesten zeigen Widerstand, nicht Zustimmung.
| Handgeste | Bedeutung |
|---|---|
| ✊ Keine Geste / Faust | kein oder sehr geringer Einwand |
| ✋ Eine Hand | leichter bis mittlerer Einwand |
| 🙌 Beide Hände | deutlicher, schwerwiegender Einwand |
➡️ In diesem Schritt werden keine Punkte gezählt (wie sonst in der Widerstandsabfrage üblich, siehe unten) ➡️ Das Stimmungsbild dient der Orientierung, nicht der Entscheidung.
🚨 Ja nach Gruppendynamik kann das Stimmungsbild eine innere Blockade auslösen. Also: Vorsichtig verwenden!
⚠ Wichtig bei großen Widerstand: gibt euch richtig viel Zeit, Einwände zu sammeln und Einwände konstruktiv zu integrieren. Das kann das Blatt am Ende wenden und der Vorschlag kann dann viel Unterstützung bekommen. Dabei ist wichtig, dass ihr euch Zeit lasst.
💬 5. Einwände sammeln
Einwände bekommen jetzt Raum und Gewicht.
- Schwerwiegende Einwände werden benannt und erläutert.
- Auch einzelne starke Einwände sind wichtige Hinweise.
- Leichtere Einwände können benannt werden, müssen aber nicht.
Leitfrage:
Was ist aus deiner Sicht hier nicht tragbar?
Es ist wichtig, dass jede Person ihre Einwände zeitnah benennt,
damit niemand später mit Vorbehalten überrascht.
🔧 6. Einwände integrieren
Jetzt wird gemeinsam gearbeitet.
- Einwand für Einwand
- Schritt für Schritt
- ohne Verteidigung, ohne Rechtfertigung
Ziel ist nicht, jemanden zu überzeugen,
sondern den Vorschlag so weiterzuentwickeln,
dass die Sorge im Einwand im Vorschlag mitgedacht ist.
Der Vorschlag wird dabei oft klarer, robuster und tragfähiger.
Lässt sich ein Einwand nicht integrieren, hat die Person zwei Möglichkeiten:
- Sich zurücknehmen. Der Einwand bleibt bestehen, ist aber nicht so schwerwiegend, dass er den Vorschlag verhindern muss.
- Aufschub vorschlagen. Die Entscheidung wird vertagt.
💡 Wenn die Zeit fehlt: Der Vorschlag kann zur Überarbeitung an eine Person oder Arbeitsgruppe gegeben
und später erneut eingebracht werden.
✅ 7. Entscheidung
Ein Vorschlag gilt als angenommen (Konsent), wenn:
- kein schwerwiegender Einwand mehr besteht
oder - bestehende Einwände sagen:
„Ich kann damit mitgehen."
🔢 Widerstandsabfrage (optional, aber manchmal hilfreich)
Wenn unklar ist, wie tragfähig der überarbeitete Vorschlag wirklich ist,
folgt eine Widerstandsabfrage mit Punkten.
Alle zeigen wieder gleichzeitig eine Handgeste:
| Handgeste | Punkte |
|---|---|
| ✊ Keine Geste / Faust | 0 Punkte |
| ✋ Eine Hand | 1 Punkt |
| 🙌 Beide Hände | 2 Punkte |
Die Punkte werden zusammengezählt.
Richtwert:
- Mehr Punkte als Personen
→ mehr als 50 % möglicher Widerstand
→ Vorschlag gilt als nicht tragfähig
💡 Die Gruppe kann vorab festlegen,
wie viel Widerstand in diesem Kontext tragbar ist
(z. B. 30 %, 40 %, 70 %).
→ Mehr dazu: Kurzanleitung Widerstandsabfrage
🚨 Wenn trotzdem ein schwerwiegender Einwand bleibt
Dann entscheidet die Gruppe bewusst, wie sie weitergeht:
🕰 Vertagen
- Entscheidung wird aufgeschoben.
- Zeit für Klärung, Recherche oder Überarbeitung.
🧪 Testphase
- Vorschlag wird ausprobiert.
- Einwand wird dokumentiert.
- Überprüfung zu einem festen Zeitpunkt vereinbart.
⛔ Blockade mit Begründung
Ein Einwand blockiert nur, wenn er fundiert ist, z. B.:
- rechtlich
- ethisch
- fachlich
- rollenbezogen
„Ich bin einfach dagegen" reicht nicht.
🔢 Blockade durch Widerstand
Wenn die Widerstandsabfrage zeigt: → mehr Widerstand als tragbar,
dann trägt die Gruppe den Vorschlag so nicht mit.
🧍 Persönliche Integrität
Eine Person kann blockieren, wenn sie klar sagt:
„Ich kann diesen Vorschlag in dieser Form nicht mittragen,
ohne gegen meine Verantwortung oder Integrität zu handeln."
Auch das wird ernst genommen –
wenn es reflektiert, stimmig und transparent geschieht.
💡 Merksatz
Nicht der lauteste Vorschlag gewinnt,
sondern der, mit dem alle gut leben können.
📚 Hintergrund und Literatur
Konsent
Die Idee des Konsent als Entscheidungsprinzip stammt aus der Tradition soziokratischer Entscheidungsverfahren. Erstmalig bin ich durch Gespräche in einer intentionalen Gemeinschaft damit in Berührung gekommen. Die hier beschriebene Arbeitsweise ist meine eigene Adaption, geprägt durch die unten genannten Quellen.
Bockelbrink, B., Priest, J., & David, L. (2020). Soziokratie 3.0 – Ein Praxisleitfaden. Sociocracy 3.0. https://doi.org/10.1007/978-3-658-02806-0_1
Buck, J., & Villines, S. (2017). We the People. Consenting to a Deeper Democracy. (2. Aufl.). Sociocracy.info.
Butler, C. T., & Rothstein, A. (1987). On Conflict and Consensus: A handbook on Formal Consensus decisionmaking. Food Not Bombs Publishing.
Rau, T. J., & Koch-Gonzalez, J. (2018). Many Voices One Song. Gemeinsam arbeiten, gemeinsam entscheiden mit Soziokratie. Sociocracy For All.
Strauch, B., & Reijmer, A. (2018). Soziokratie. Kreisstrukturen als Organisationsprinzip zur Stärkung der Mitverantwortung des Einzelnen. Vahlen.
Widerstandsabfrage
Die Idee, Widerstand zu messen statt Zustimmung zu zählen, geht auf das Systemische Konsensieren (Paulus/Schrotta/Visotschnig) zurück. Die hier beschriebene Widerstandsabfrage ist eine eigenständige Vereinfachung für den Einsatz im Konsent-Prozess.
Paulus, G., Schrotta, S., & Visotschnig, E. (2022). Systemisches Konsensieren (6. Aufl.). Danke-Verlag.